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Über das Buch
Ein bewegender Roman, der Gegenwart und Vergangenheit miteinander verbindet und zurückführt in ein dunkles Kapitel der Kriegszeit und zu den Fragen, die bis heute nachwirken.
Als die angehende Ärztin Isabelle Dubois bei einem Besuch im Haus ihrer Eltern zufällig
eine vergilbte Fotografie in einer alten Zigarrenkiste findet, ahnt sie nicht, dass das
der erste Hinweis auf ein lang gehütetes Geheimnis ist. Auf der Spur rätselhafter
Ereignisse, die tief in die Kriegszeit zurückreichen, führt ihre Suche sie zum Château
La Rose, einer ehemaligen Heilanstalt für Lungenerkrankte.
Gemeinsam mit Étienne, dem sympathischen Gärtner, versucht Isabelle die Geheimnisse
ihrer Familie zu entwirren. Doch dabei finden die beiden schnell heraus, dass auch seine
eigene Familie in die Ereignisse verwickelt war. Die Vergangenheit stellt ihre
aufkeimenden Gefühle auf eine harte Probe.
Tief in der Normandie, inmitten dichter Wälder, duftender Rosen und flüsternder Schatten
beginnt Isabelle zu begreifen, dass manche Wahrheiten Jahrzehnte lang verborgen bleiben,
bis jemand den Mut hat, hinzusehen.
„Manchen ist es bestimmt, die Dinge ruhen zu lassen. Anderen, sie aufzudecken.“
Aus „Im Schatten der Rosen“
Ein Auszug aus dem ersten Kapitel. Lass dich hineinziehen in die Welt von Château La Rose.
Kapitel 1
Normandie, Saint-Céron, Ende März 1944
Bernadettes Atem erhitzte die kalte Frühlingsluft für Sekunden, bevor er sich, gleich der
Darbietung eines Illusionisten, in Wohlgefallen auflöste. Ihr leises Kichern durchdrang
Louis’ aufgestellten Mantelkragen, der an seinem unrasierten Kinn vorbeikratzte und so nach
Staub roch, dass ihre Nase zu kitzeln begann. Doch das störte sie nicht. Ganz im Gegenteil.
Genießerisch presste sie ihre Wange in den Stoff und schloss ihre Arme ein wenig fester um
Louis’ schmalen Körper. Dann gluckste sie erneut.
„Wenn wir uns weiter in diesem Tempo fortbewegen, kommen wir nie bei mir daheim an.“
Bernadette hob ihr Kinn und sah Louis an. Seine braunen Augen waren in der Dunkelheit kaum
zu erkennen, nur das schwache Licht einer einzelnen Straßenlaterne spiegelte sich darin und
hinterließ ein Funkeln, das ihr einen angenehmen Schauer entlang ihrer Wirbelsäule
bescherte. Oh, wie sie ihn liebte und sich wünschte, ihre Zukunft läge bereits klar vor
ihnen und würde sich nicht lediglich bruchstückhaft wie hinter einem nebligen Schleier
zeigen.
Er lachte leise und drückte sie an sich. „Wie üblich. Die Stimme der Vernunft. Dabei hätte
ich gegen einen weiteren Kuss nichts einzuwenden.“
„Den wirst du bekommen, doch einer von uns muss ja den Überblick behalten, Liebster.“ Sich
auf die Zehenspitzen stellend, erreichten ihre Lippen ein weiteres Mal die seinen, strichen
zärtlich darüber, ließen sich in einem Kuss erobern. Sie spürte das amüsierte Zucken seiner
Mundwinkel, bevor er sich langsam von ihr löste und ihre Hand in seine nahm. Der Ausdruck
auf seinem Gesicht verfinsterte sich leicht.
„Du machst dir zu viele Sorgen“, murmelte er.
Bernadette seufzte, während sie ihre Stirn an Louis’ Brust lehnte. Immerzu versuchte er, ihr
die Angst zu nehmen. Versicherte ihr, dass alles gut gehen würde, dass man ihn nicht
erwischte, ihn nicht wegbrachte, ihn nicht zu Tode quälte. Und sosehr sie ihm Glauben
schenken wollte, sosehr sie mit ihren dunklen Befürchtungen rang, am Ende war es eine
bittere Gleichung, der sie sich stellen musste: Die Aussichten darauf, dass Louis seine
Meinung änderte, standen schlecht. Ohne sie verletzen zu wollen, ohne sein Wort über das
ihre zu stellen, genoss sein Idealismus für ihn eine höhere Bedeutsamkeit als ihre Einwände.
Dabei war es nicht so, dass sie ihn nicht verstand oder das, was er tat, nicht ausreichend
würdigte. Sie wusste, wie wichtig sein Tun war, wie vielen Menschen er damit half, wie
elementar jeder Handschlag war, den er unternahm, damit die Zukunft des Landes, wenn nicht
sogar der ganzen Welt, gesichert wäre. Doch war sie nicht willens, ihre Zukunftsträume zu
vernachlässigen, geschweige denn aufzugeben. Mit Louis zusammen zu sein und an seiner Seite
zu stehen, war alles, was Bernadette sich wünschte. Jetzt und für immer.
„Wollen wir weiter?“ Louis hatte den Zeigefinger unter ihr Kinn gelegt und drückte es sanft
nach oben, bis sein Blick den ihren traf. „Lass uns diesen wundervollen Abend nicht damit
verschwenden, zu streiten.“
„Ist es das, was du denkst, dass ich wollte?“ Sie richtete sich auf und straffte die
Schultern, spürte ihr Herz, das in ihrer Brust hämmerte. Es war oft so schwer für sie. Die
Panik, die sich regelmäßig in ihr ausbreitete, die Gedanken daran, Louis könnte gefasst
werden, brachten sie schier um den Verstand. Und doch ließ sie ihn gewähren. Dass sie sich
sorgte, sollte er ihr wenigstens zugestehen.
„Selbstverständlich nicht.“ Er seufzte und sah über die niedrige Mauer hinweg auf die Felder
und den Wald, den er wie seine Westentasche kannte. Seine Aufmerksamkeit schien nicht länger
ihr zu gelten, sondern schwebte hinfort wie eine Geistergestalt in fließenden Gewändern und
verharrte schließlich bei den Eichen, die den äußeren Saum des Waldes bildeten. Unstet
sprangen Louis Pupillen hin und her, als bewegte er sich durch dichtes Unterholz und
verworrene Sträucher, als kletterte er in den Kronen aus beinahe undurchdringlichem
Blätterwerk, um unentdeckt zu bleiben.
Bernadette legte ihre flache Hand an seine Wange und malte mit ihren Fingerspitzen die
Kontur seines Kiefers nach. Ob sie ihn zurückholen konnte aus jenem Zustand, in den er sich
zurückzog, bewusst oder unbewusst, wenn Gefahr drohte und er seinen Fokus ausschließlich
darauf lenkte, zu überleben?
„Salomon“, kam ihr sein richtiger Name über die Lippen.
Er schloss seine Augen für einen Moment, seine Nasenflügel blähten sich auf und einige tiefe
Atemzüge ließen seine Brust in einem kontrollierten Rhythmus an- und abschwellen. Dann sah
er sie an, und in den Tiefen seines Blickes fand sie nichts und niemand Geringeren als ein
Abbild ihrer selbst. „Ich liebe es, wenn du mich nicht Louis nennst.“
Bernadette nickte, lächelte und verbiss sich eine Antwort, die zwar zum wiederholten Male
von der Dringlichkeit erzählen würde, das Land zu verlassen – es gemeinsam zu verlassen,
damit sie ein neues Leben beginnen konnten. Doch diese Unterredung musste sie verschieben.
Für heute war es genug. Morgen schon würde sie erneut um sein Leben bangen müssen, wenn er
sich mit einer Gruppe Gleichgesinnter auf den Weg machte, um neue Routen und Standorte
auszukundschaften, an denen sich entkommene Kriegsgefangene und Widerstandskämpfer aufhalten
oder Waffen und Vorräte aufbewahrt werden konnten. Wieder einmal war es an ihr, die Tage,
Stunden und Minuten zu zählen, bis er hoffentlich unversehrt zu ihr zurückkehren würde.
Sie sollten den Abend nutzen, um sich in den Armen zu liegen, zu träumen, sich zu lieben und
für ein paar Augenblicke der Grausamkeit der Gegenwart zu entkommen.
Bernadette schob ihre Hand in seine und streichelte mit ihrem Daumen über die Erhebungen
seiner Fingergelenke. Seine Haut fühlte sich rau, aber unglaublich warm an. „Ich freue mich
darauf, wenn du mich gleich ein wenig halten magst.“
„Nichts, was ich lieber täte“, antwortete er und zog sie mit sich durch enge Straßen und
Gassen, die sie zu ihrer Wohnung – oder besser gesagt: zu ihrem Zimmer – führen würden.
Rabenschwarze Dunkelheit hatte sich über das Städtchen gelegt. Nur ab und zu erhellte ein
Lichtschein das Pflaster, spiegelte sich in den Schaufenstern einiger Geschäfte, die längst
geschlossen hatten und in Pfützen, die der Regen erschaffen hatte. Ein schneidiger Wind
erfasste Bernadettes Kopftuch, das sie sich über ihre zu einem Dutt aufgedrehten Haare
drapiert hatte, und riss es mit sich. Gleichzeitig griffen sie danach. Doch es war Salomon,
der mit einem tiefen Ausfallschritt in die Hocke ging und das Stück Stoff im letzten Moment
zu fassen bekam, bevor es auf die nasse Straße geweht wäre. Triumphierend hielt er das Tuch
in die Höhe und lachte Bernadette an, die hinter ihm stand und ihm den Arm hinhielt, damit
er sich daran hochziehen konnte. Doch mitten in der Bewegung hielten beide inne.
Laute Stimmen, die wild durcheinanderriefen, Schreie, die ganz in der Nähe ausgestoßen
wurden und die Stille des Abends sprengten, ließen Bernadette den Atem anhalten. Sie
bemerkte, wie Salomons Blick nur für eine, vielleicht zwei Sekunden am Ende der Straße
verweilte, wo sich hinter einer Biegung das Lärmen zu nähern schien. Dann sprang er auf die
Beine und zerrte Bernadette in einen schmalen Spalt zwischen zwei Häusern. „Kein Wort!“, kam
es ihm zischend über die Lippen. „Beweg dich nicht!“
Sie gehorchte, was nicht allzu oft der Fall war. Doch dass Salomon es ernst meinte,
verrieten ihr nicht zuletzt sein vollkommen regloses Verharren und die ausgestreckte Hand,
die sie in den sich verjüngenden Gang drängte. Seine Gesichtszüge, die sie nur noch erahnen
konnte, waren einer ebensolchen Starre verfallen wie der Rest seines Körpers. Gemeinsam
lauschten sie in die Finsternis.
Jemand rannte. Seine Laufschritte hallten laut durch die einsamen Gassen, wahrscheinlich war
er nur noch wenige Meter von dem Versteck entfernt, in dem Bernadette mit Louis kauerte. Das
Geräusch keuchenden Atems drang an ihre Ohren. Blanke Panik jagte ihm voraus. Wer auch immer
es war, der dort unterwegs war. Er eilte nicht grundlos.
Er flüchtete. Er rannte um sein Leben.
Zu dieser Erkenntnis kam Salomon im gleichen Moment wie Bernadette. Doch während sie sich
noch einige Zentimeter weiter in die Lücke zwängte, wohl wissend, dass die gemauerten Wände
ihr die Luft aus den Lungen pressen und das aufkommende Schwindelgefühl sie demnächst in
eine Ohnmacht reißen würde, machte Salomon Anstalten, den Unterschlupf zu verlassen.
„Nein!“, gab sie beinahe fauchend von sich und bekam im letzten Moment und mit verdrehten
Gliedmaßen seinen Mantelärmel zu fassen.
Sein Kopf schnellte zu ihr herum. Welchen Ausdruck sein Antlitz trug, war sie nicht imstande
zu erkennen. Aber sie wusste von dem Schmerz und der Enttäuschung, die seine
haselnussbraunen Augen zweifelsfrei trübten. Salomon stieß seinen Atem aus, rückte noch ein
Stück weiter an Bernadette, tiefer in den Schatten, und sah zu Boden.
„Bleib stehen, du Drecksjude!“, ertönte eine Stimme, die so viel Hass in sich trug, dass
sich ein schmerzhaftes Frösteln über Bernadettes Schultern und Arme ausbreitete. Sie
verstand die Bedeutung der Worte – bruchstückhaft nur aus dem Deutschunterricht von früher,
doch aufgefrischt in Gesprächen mit Salomon, der der Sprache des Feindes mächtig sein
musste, um in der Résistance zu überleben.
„Knall ihn ab, Franz! Knall das Schwein ab!“
Bernadette hielt sich eine Hand vor den Mund, um ein aufkommendes Schluchzen unter Kontrolle
zu halten. Sie würde nicht schreien. Auch wenn sie genau wusste, was als Nächstes passieren
würde. Sie würde nicht schreien.
Ein Schuss fiel.
Grausames Lachen, das zu ihnen herüberwehte und ein Stechen wie von tausend Nadeln auf
Bernadettes Haut hinterließ.
„Der ist noch nicht kaputt!“
Ein Schleifen war von der Straße aus zu hören. Ganz in der Nähe. Viel zu nah. Bernadette
biss sich auf die Zähne und versuchte, in Salomons Gesicht zu lesen. Doch seine Züge waren
von völliger Schwärze überzogen.
Aus dem Augenwinkel nahm Bernadette eine Bewegung wahr. Jemand kroch über das Pflaster, zog
sich mühsam vorwärts, Zentimeter um Zentimeter. Bis sie sein Gesicht sah, schmerzverzerrt,
die Augen in Panik aufgerissen und mit kaum noch einem Funken Leben darin. Der Mann ließ
sein Gesicht schließlich auf den Boden sinken. Schwer holte er Atem, gurgelte
unverständliche Laute, hustete angestrengt.
„Wirst du nun endlich abkratzen, du Missgeburt?“
Ein paar dunkle Stiefel kamen neben dem sterbenden Körper zum Stehen, traten in dessen
Nieren. Dann beugte sich ein Soldat der Wehrmacht hinab, spuckte und grinste schäbig. „Ich
muss wohl nachhelfen!“
Der zweite Schuss traf den Mann in den Hinterkopf und beendete sein Leben.
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